„RABBINER WITZ UND KLEZMER MUSIK“

 

 

„Ich will dir geben a Beispiel“

 

PFUNGSTADT.

Der Rabbiner und die Musik sind Institutionen jüdischer Kultur. In allen Belangen des Lebens, ob an All- oder Feiertagen, sind sie unentbehrlich. Am Sonntagabend waren sie in der ehemaligen Synagoge Pfungstadt beide zu erleben und kehrten vor allem ihre komischen Seiten hervor: Klarinettistin Irith Gabriely und Pianist Peter Przystaniak als Musiker auf der einen Seite, Iris Stromberger als Rabbiner auf der anderen.

 

Letztere mit breitkrempigem Hut, Gelehrtenbrille und dicken Schläfenlocken – ein Bild von einem Rebbe. Dazu Gabriely als beharrliche Fragerin, Stromberger als listenreicher Ratgeber: ein hübsch komisches Gespann, das den rund 140 Besuchern im rappelvollen Haus zwei herzerfrischende Stunden bot. So viel befreites Lachen unter der samtblauen, bestirnten Kuppeldecke des alten jüdischen Gotteshauses hört man nicht oft. Renate Dreesen vom Arbeitskreis ehemalige Synagoge, hocherfreut über den Zuspruch, vermochte sich kaum zu erinnern, wann es zuletzt so voll war – und so lustig.

„Der jüdische Witz überdauert die Zeit in Wort und Musik“ behauptet das Programm und liefert dafür zwei Stunden lang unschlagbare Belege. Mit komödiantischem Eifer spielt Stromberger ihre Rolle aus. Auf einem Stuhl mal wegdämmernd, mal erregt fuchtelnd und mahnend, gibt sie jene liebeswürdige Vorstellung eines Rabbiners, der in allen Lebenslagen Rat weiß, insbesondere dann, wenn er eigentlich nichts weiß. Dann stellt er einfach Gegenfragen. Oder erzählt abwegige Anekdoten, die stets mit dem gewichtigen Satz beginnen: „Ich will dir geben a Beispiel ...“ Ob Liebe, Eifersucht, Nachbarschaftsstreit, ob gewichtige Glaubensfragen oder das Thema „Verhütung“ (Limonade hilft): Der Rabbi hat auf alles eine Antwort, die meist niemanden zufriedenstellt – aber auch niemandem schadet. Vor allem nicht dem Rabbi. Unwiderlegbar sind seine Paradoxa allemal.

Kleine Geschichten liefern auch die Musiker. Zwischen den gesprochenen Beiträgen witzelt Gabriely mit ihrer Klarinette weiter, erzählt in oft quirlig aufgedrehtem Spiel von rauschenden Festen, kleinen und großen Alltagsdramen und den Abenteuern des Lebens. Beschwingte Klezmer-Harmonien, arabeske Melodieketten und spaßhaft übertriebene Quietsch- und Knatsch-Effekte begeistern das Publikum. In der zweiten Hälfte heizen Boogie-Woogie, Modern Jazz und Kreisler-Bosheiten die Stimmung weiter an.

Viel Szenenapplaus gibt es für alle Beteiligten dieses Nachmittags. Während draußen der Landregen unablässig plätschert, wird die Laune drinnen zunehmend sonnig. Bei der Zugabe aus „Anatevka“ klatschen, summen und singen die meisten im Saal fröhlich mit: „Wenn ich einmal reich wär“. Das kommt so authentisch herüber, dass aus den vorderen Reihen sogar Geldmünzen auf den Rabbi und die Musiker regnen. Da wird Gabriely ein einziges Mal ernst: „Aber das war doch nicht ernst gemeint.“ Überzeugend ist es allemal.

 

 

Aus dem Bericht im Darmstädter Echo vom 27. August 2013